Gartenzeit | Magazin
02 | 2024
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Vogel des Jahres 2024

Der Kiebitz

 Interview mit Hartmut Drebing, Vereinsvorsitzender des NABU BG Oldenburger Land e. V., über den schillernden Watvogel

Der Kiebitz ist ein auffälliger Watvogel, der zur Familie der Regenpfeifer gehört. Er ist vor allem an seiner kontrastreichen schwarz-weißen Färbung und seiner charakteristischen Federhaube zu erkennen. Der Kiebitz wird etwa 28 bis 31 cm groß, mit einer Flügelspannweite von 67 bis 72 cm und einem Gewicht von rund 150 bis 300 Gramm. Der Kiebitz ist in großen Teilen Europas und Asiens verbreitet. Der Name "Kiebitz" leitet sich von den Rufen des Vogels ab, die wie "ki-vitt" oder "kiewitt" klingen.

Warum wurde der Kiebitz zum Vogel des Jahres 2024 gewählt? Welche Kriterien waren entscheidend?

Seit 1971 küren NABU-Naturschutzbund Deutschland und LBV-Landesbund für Vogel- und Naturschutz gemeinsam den Vogel des Jahres, seit 2021 stimmt ganz Deutschland in einer öffentlichen Internet-Wahl im September über den Jahresvogel ab. Knapp 120.000 Menschen haben diesmal an dieser öffentlichen Wahl teilgenommen und den Kiebitz, nach 1996 bereits zum zweiten Mal, als einen von zuvor 5 gesetzten Kandidaten zum „Vogel des Jahres 2024“ erklärt. Diesmal hatten Rauchschwalbe, Rebhuhn, Steinkauz und Wespenbussard in dieser Wahl das Nachsehen.

Warum der Kiebitz mit einem Stimmenanteil von 27,8 Prozent diese öffentliche Internet-Wahl gewonnen hat, kann nur vermutet werden. 

Wahrscheinlich lag es daran, dass er als früherer „Allerweltsvogel“ einen hohen Bekanntheitsgrad genießt und aufgrund seiner attraktiven, kontrastreichen Erscheinung sowie seines virtuosen, eher gemächlichen Flugstils als „Gaukler der Lüfte“ viel Charisma besitzt. Gleichzeitig ist aber den Menschen auch nicht entgangen, dass der Kiebitz in seinem zahlenmäßigen Bestand durch das Wirken des Menschen in den vergangenen Jahrzehnten drastisch eingebrochen ist und somit Mitleid mit einer Kreatur bei der Wahl eine Rolle gespielt haben könnte.

Welche Rolle spielt der Kiebitz symbolisch für den Naturschutz in Deutschland?

Für Natur- und Umweltschützer ist der Kiebitz ein Sinnbild für den Verlust von Biodiversität, also ein Sinnbild für die Verringerung der Vielfalt des Lebens in Verbindung mit menschlichen Aktivitäten. Intensive, ja stellenweise exzessive Land- und Bodennutzung und damit einhergehender „Flächenverbrauch“, vor allem durch eine flächendeckende intensive Landwirtschaft, gefährden den Bestand vieler Fauna- und Floraarten, eben auch die des Wiesenvogels Kiebitz. 

Hier in Nordwestdeutschland hat der Brutbestand der Kiebitze in den letzten 4 Jahrzehnten um fast 90 Prozent abgenommen, sodass im Grunde dieser charismatische Flugkünstler nicht mehr mit dem Begriff „Allerweltsvogel“ bezeichnet werden kann, weil er immer seltener anzutreffen ist.

Welche spezifischen Lebensräume bevorzugt der Kiebitz und wie haben sich diese im Laufe der Jahre verändert?

Kiebitze bevorzugen zum Brüten offenes, flaches und feuchtes Dauergrünland, weichen jedoch zunehmend auf Ackerflächen aus. Er gilt grundsätzlich als Liebhaber von Feuchtwiesen und Mooren. 

Kiebitze sind Kurzstreckenzieher. In milderen Wintern bleiben viele Individuen hier und verzichten auf den Flug in die Winterquartiere in Frankreich, Großbritannien oder Spanien. Im März kann man die Männchen bei ihren akrobatischen Balzflügen beobachten.

Die Brut erfolgt im April und Mai, dabei werden vier birnenförmige, olivbraune, schwärzlich gefleckte Eier in eine flache Bodenmulde gelegt. Das Nest befindet sich zumeist an Stellen mit kurzer Vegetation, damit die brütenden Weibchen eine gute Rundumsicht haben. Nach 26 bis 29 Tagen schlüpfen die Küken. Sie sind mit ihrem erdfarbenen Federkleid gut getarnt und drücken sich bei Gefahr bewegungslos an den Boden – so lange, bis die Eltern entwarnen. Die Jungen sind nach etwa vier Wochen flügge.

Welche Hauptbedrohungen sieht der NABU für den Kiebitz und seinen Lebensraum?

Der Kiebitz findet als Liebhaber von Feuchtwiesen und Mooren in Deutschland mittlerweile zu wenig Lebensraum. In der Vergangenheit wurden davon viele trockengelegt, um Äcker und Weiden zu gewinnen. Weitere Ursachen für die Gefährdung des Wiesenbrüters sind der Nahrungsmangel durch den starken Einsatz von Pestiziden, zu häufige (bis zu 5mal pro Jahr!) oder zur falschen Zeit durchgeführte Grasmahden, aber auch hochwüchsige Wiesen durch zu viel Düngung. Helfen könnten dem Vogel eine naturfreundliche Landwirtschaft und eine "Wiedervernässung von Feuchtwiesen und Niedermooren".

In Deutschland wurden zuletzt nur noch rund 42.000 bis 67.000 Brutpaare gezählt. Die massiven Einbrüche seiner Population sind schon seit Längerem ein besorgniserregender Trend: Allein zwischen 1980 und 2016 ist seine Zahl um 93 Prozent zurückgegangen.

Auch europaweit hat sich die Population mehr als halbiert. Inzwischen gilt der Kiebitz auf dem europäischen Kontinent als gefährdet und deutschlandweit sogar als stark gefährdet.

Inwiefern haben landwirtschaftliche Praktiken und die Trockenlegung von Feuchtwiesen zum Rückgang der Kiebitz-Bestände beigetragen?

Als Bodenbrüter sind Kiebitze auf landwirtschaftlichen Flächen vielen Gefahren ausgesetzt. Im Grünland kommt es insbesondere beim Schleppen, Walzen und Mähen zu Verlusten. Auf Weiden werden Gelege zertreten, wenn die Beweidungsdichte zu hoch ist. Im Ackerland treten viele Verluste durch die Bodenbearbeitung und mechanische Beikrautbekämpfung im Frühjahr auf. Viele Erstgelege auf Mais- und Zuckerrübenäckern fallen der landwirtschaftlichen Bearbeitung zum Opfer.

Welche Schutzmaßnahmen wurden bisher ergriffen, um den Kiebitz zu unterstützen?

Unter anderem 2018 hat das Michael-Otto-Institut innerhalb des NABU im Rahmen des Projektes „Sympathieträger Kiebitz“ im Bundesprogramm Biologische Vielfalt ein Praxishandbuch zum Kiebitzschutz erstellt.

Die Palette der Ideen und konkreten Vorschläge, die der NABU in dieser 44-seitigen Broschüre präsentiert reicht vom klassischen Gelege- und Kükenschutz über die extensive Weidewirtschaft bis hin zur Verbesserung der Lebensräume.

Im Einzelnen hat der NABU folgende Maßnahmen zur Bestandssicherung und -entwicklung als sinnvoll erachtet:

  • Markieren und Umfahren von Gelegen
  • Schutz gegen Weidetiere
  • Verringerte Mahdgeschwindigkeit
  • Mahd von innen nach außen
  • Mahdtermine von Nachbarflächen berücksichtigen
  • Teilflächen- oder Streifenmahd
  • Mahdverzögerung
  • Stacheldraht ersetzen
  • Grabenkanten abflachen
  • Einschränkung der mineralischen Düngung
  • Düngung mit Festmist
  • Weidehaltung
  • Pflegeschnitt oder Nachbeweidung im Herbst/Winter
  • Feuchtstellen schaffen
  • Sonderstrukturen wie feuchte Senken und Schotterlinsen belassen
  • Feuchte Senken nicht bestellen!
  • Grasstreifen in Sommerungen
  • Anbau von Sommergetreide
  • Anlage einer Kiebitzinsel!

Welche Rolle spielt hierbei die Kampagne "Wasser marsch!"?

Der Slogan „Wasser marsch!“ soll dafür werben durch Renaturierung und Wiedervernässung von Feuchtwiesen und Mooren attraktive Lebensräume und Brutstätten auch für Kiebitze zu reaktivieren. 

Heute machen vor allem die Entwässerung und der Verlust von Feuchtwiesen nicht nur dieser Vogelart schwer zu schaffen. Die Renaturierung von Feuchtwiesen und Mooren könnte den Rückgang der Art aufhalten, aber auch einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz darstellen.

Wie kann die Öffentlichkeit aktiv zur Erhaltung des Kiebitzes beitragen?

Zum Erhalt des Kiebitzes und vieler anderer Arten ist das Verhalten der großen Landbesitzer und -eigentümer, also damit vor allem das der Agrarökonomen, von ausschlaggebender ökologischer Bedeutung. Die „Öffentlichkeit“, also somit der Bürger mit wenig oder gar keiner Verfügungsmöglichkeit über Boden und Land, der Bürger als mündiger Wähler und Steuerzahler kann nur politisch mit daran wirken, dass vor allem für die Landwirtschaft in unserer Gesellschaft Randbedingungen geschaffen werden, die einen „gerechten und unverzichtbaren Ausgleich“ zwischen Ökonomie und Ökologie darstellen. (Stichwort u. a. Subventionen)

Die „Öffentlichkeit“ kann und muss primär über die Nutzung ihrer Bürgerrechte, z. B. bei Wahlen, durch Demonstrationen oder über Volksbegehren, politisch Einfluss ausüben.

Welche langfristigen Maßnahmen plant der NABU, um den Kiebitz und andere gefährdete Arten zu schützen?

Langfristig-strategisch folgen Natur- und Umweltschützer mit biozentrischer Gesinnung in ihrem Handeln und Denken in der Mehrzahl der Zielvorgabe des Bundesnaturschutzgesetzes, die von uns als Kompromißgesellschaft erwartet, daß wir „Natur und Landschaft auf Grund ihres eigenen Wertes und als Grundlage für Leben und Gesundheit des Menschen auch in Verantwortung für die künftigen Generationen schützen“. 

Leider wird dieses elementar wichtige ökologische Überlebensziel als selbstgestellte Aufgabe an uns Menschen in der globalen Mehrheit immer wieder für weniger relevant gehalten und daher im Tagesgeschäft der Politik und Wirtschaft aus den Augen verloren, so daß nicht nur Kiebitze und andere gefährdete Arten zu Leidtragenden werden.

Wie könnte sich der Klimawandel auf den Lebensraum und die Population des Kiebitz auswirken?

Klimawandel ist nur ein Symptom eines Defizits, also eine Wirkung und keine Ursache. Nicht nur den Kiebitzen und anderen gefährdeten Arten machen weitere „Symptome“ (Quelle: www.politikundunterricht.de) in dieser Kausalität zu schaffen, wie:

  • Ressourcendruck, besonders auf landwirtschaftlich nutzbaren Boden und Wasser
  • fortschreitende Zerstörung der Regenwälder
  • beschleunigtes Artensterben in Flora und Fauna
  • weitere Ausdehnung der Steppen und Wüstenflächen
  • Übernutzung nicht erneuerbarer und erneuerbarer Ressourcen
  • zunehmendes Müllaufkommen wie z. B. Mikroplastik in Gewässern 
  • weitere Erwärmung der Atmosphäre und Intensivierung des Treibhauseffektes
  • Versorgungsengpässe
  • Welternährungsprobleme und Hunger
  • Verschlechterung des Gesundheitszustandes durch Wassermangel
  • Landflucht
  • Städtewachstum/Megastädte
  • Verarmung, abnehmender Wohlstand
  • internationale und interkontinentale Migrationsbewegungen
  • Internationale Arbeitskräftemigration                                                         

In der Zukunft wird es perspektivisch daher immer dringender, die Ursache der Mehrzahl der genannten „Symptome“ in den Griff zu bekommen, das exponentielle Weltbevölkerungs-wachstum der Menschheit, gepaart mit einer anpassenden Überprüfung der konsumorientierten Lebensweise.

Allerdings ist diese ökologische Menschheitsaufgabe, die so bereits 1972 vom Club of Rome formuliert wurde, nämlich dem explosionsartig ansteigenden Bevölkerungswachstum auf unserer Erde entgegenzuwirken, in allen Weltgesellschaften mehrheitlich ein politisches oder religiöses Tabu. 

Zukunftsperspektivisch bleibt es spannend, nicht nur im Interesse der Kiebitze und anderer gefährdeter Arten, ob es uns Menschen gelingt, in einer Art von Selbstzucht unsere selbstverursachten Probleme durch Vernunft und Verstand zu lösen oder ob die Natur dieses selbstzerstörerische Verhalten auf ihre Weise löst.


Von Andreas Unterberg