Gartenzeit | Magazin
02 | 2023
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Der antiautoritäre Garten

Simone Kern ist Landschaftsarchitektin mit praktischer Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin und entwickelt maßgeschneiderte Vegetationskonzepte für Privatgärten und die Öffentliche Hand. Als Autorin mehrerer Bücher vermittelt sie ihr Wissen einer breiten Öffentlichkeit und wirbt in einer ihrer Publikation für „Gärten, die sich selbst gestalten“. Wie das funktioniert und welche Voraussetzungen sie für erforderlich hält, erklärt die Expertin in der „NWZ-Gartenzeit“. Grundlage des Gesprächs ist ihr Buch "Der antiautoritäre Garten". Das Interview hat Klaus Schmidt mit ihr geführt.



Es ist bekannt, dass Du Dich in Gestaltungsfragen gern von der Natur inspirieren lässt. Der Titel Deines Buches, „der antiautoritäre Garten,“ erinnert an pädagosiche Konzepte Ende der 1960er Jahre, nach denen Kinder weitgehend ohne Regeln und Verbote aufgewachsen sind. Sollen jetzt die Pflanzen im Garten machen, was sie wollen?

Das Konzept des antiautoritären Gartens geht tatsächlich ein bisschen in die Richtung, dass die Pflanzen selber ihre Standorte suchen sollen. Dann sind sie im wahrsten Sinne des Wortes standortgerecht und können sich deshalb optimal entwickeln. Im Gegensatz zu Pflanzen, die ich als Topfware kaufe. Wenn ich sie an einen Standort setze, weil ich der Meinung bin, da schauen sie schön aus, dann kann es tatsächlich passieren, dass ihnen der Standort nicht richtig passt. Dass ihnen der Boden etwas zu lehmig oder zu sandig ist, oder zu sonnig. Vagabundierende Pflanzen sind in erster Linie Blühpflanzen. Um die geht es hier. Sie sind sehr insektenfreundlich und werden bestäubt. Später bilden sie Samen, mit denen sie sich verbreiten. So entwickeln sie sich an den selbstgewählten Standorten optimal. Wenn der Standort nicht passt, keimen Pflanzen erst gar nicht. 

Du hast festgestellt, dass das Interesse an wild wachsenden Gärten deutlich gestiegen ist. Woran liegt das Deiner Meinung nach?

Weil wir heute ganz vielen Anforderungen ausgesetzt sind, brauchen wir einfach Lebensbereiche, in denen wir uns an Zufällen erfreuen können. Das bietet der antiautoritäre Garten mit seiner permanenten Veränderung, die weniger durch den Gärtner entsteht, als durch die Pflanzen selbst. Es mag auch eine Rolle spielen, dass heute kaum noch Wildnis in der Natur zu finden ist. Das weckt das Verlangen, sich ein Stück Wildnis im eigenen Garten zu gestalten.

Der Untertitel Deines Buches, „Gärten, die sich selbst gestalten“, könnte Menschen mit wenig Empathie für die Natur auf den Gedanken bringen, alles regele sich von selbst. Ich fürchte, so einfach ist das nicht, oder?

Da hast Du recht Klaus. Ganz so einfach ist das natürlich nicht. Ein bisschen Pflege muss sein, ein bisschen hinterher arbeiten ist schon erforderlich. Man muss sich natürlich mit den Keimlingen auseinandersetzen. Man muss sie erkennen. Das ist am Anfang vielleicht nicht ganz so einfach. Wenn ich mir nicht sicher bin, lass ich die Pflanze einfach ein bisschen wachsen, um sie später, wenn sie größer ist, eindeutig bestimmen zu können. Dann muss man entscheiden, ob man diese Pflanze an dem Standort haben will. Wenn nicht, fliegt sie raus. Man muss vor allem eingreifen, wenn es zu viele Keimlinge einer Sorte gibt. Dann wird ganz klassisch, wie beim Jäten, ein Teil entfernt. 

Das gilt wohl vor allem, wenn eine dominante Pflanze die angestrebte Wildnis in eine Monokultur verwandeln könnte?

Genau. So ein bisschen lenken muss man tatsächlich. Mir persönlich ist das schon einmal passiert mit dem Natternkopf. Eine wunderbare sogenannte Ruderalpflanze, die sich auch auf schwierigen Bodenverhältnissen stark vermehren kann. Sie bildet im ersten Jahr Rosetten, im zweiten Jahr die Blüten. Ein absoluter Hummel- und Insektenmagnet. Ein Traum in blau. Aber die Pflanze hat sich ausgesamt wie wahnsinnig. Da musste ich dann tatsächlich hinterher arbeiten und schauen, dass ich sie dezimiere.

Das heißt also, ich muss die Entwicklung beobachten, aufpassen, was passiert und gegebenenfalls eingreifen.

Genau. Du hast ein wichtiges Wort genannt: Das Beobachten. Das ist eigentlich das Schöne an dem Konzept. Dass ich als Gartenbesitzer viel mehr gefordert werde, zu gucken. Mir Zeit zu lassen und Entwicklungen begleiten, anstatt gleich zu reagieren, wie wir es im Alltag gewohnt sind. Und es verlangt natürlich Toleranz für das Ungeplante. Wer sich darauf einlassen kann, wird aber reich belohnt.

Ähnliche Konzepte, wie etwa die Permakultur, sind ziemlich komplex und lassen sich nur auf großen Flächen umsetzen. Lässt sich Dein Ansatz des Rewildering auch in kleineren Stadtgärten realisieren? 

Ja, definitiv. Weil sich die Pflanzen ihren Standort selber suchen. Das heißt, wir haben Ritzenbesiedler, die aus Fugen oder Mauerritzen kommen, auch kleine Dachbegrünungen. Natürlich kann ich Rewildering auch klassisch auf offenem Boden machen.

Wir erleben gerade eine massive Beeinträchtigung der heimischen Pflanzenwelt durch die Klimaveränderung. Können oder müssen wir die Natur jetzt nicht etwas vorausschauend unterstützen, etwa bei der Auswahl von Pflanzen, die wenig Wasser benötigen?

Eindeutig. Wässern, Trinkwasser verwenden, um Pflanzen in unserem Garten zu bewässern, das wird nicht das Konzept der Zukunft sein. Es gibt so viele Pflanzen, die auch mit Trockenheit, mit Trockenphasen zurecht kommen. Auf sie sollten wir uns konzentrieren und dabei heimische Blühpflanzen berücksichtigen. Sie sind einfach wunderschön. 


Wasser im Garten ist nicht nur wegen des arbeitsintensiven Bewässerns ein Thema, sondern auch wegen der Kosten. Trotzdem brauchen es ja auch andere Lebewesen im Garten. Die Vögel, die Bienen, die Schmetterling. Hast Du zu diesem Thema einen Tipp für unsere Leser?

Ja, den habe ich, natürlich! Man kann ganz klassisch eine Vogeltränke aufstellen, aber was ich viel schöner und spannender finde ist eine alte Zinkwanne. Etwas Substrat reinfüllen und das Ganze ein bisschen wie einen Mini-Wassergarten anlegen. Da kann man dann auch noch eine Pflanze reinsetzen, zum Beispiel den Blutweiderich. Dann haben wir relativ seichtes Wasser, in dem vielleicht das eine oder andere Blatt liegt. Da können Wildbienen sicher landen und saufen oder die Vögelchen sowie viele andere Tiere. 

Da freue ich mich schon auf den nächsten Sommer. Aber jetzt steht erst Mal der Herbst vor der Tür: Was kann ich in dieser Jahreszeit machen, wenn ich mir ein Stück Wildnis nach Deinen Vorschlägen im Garten gönnen will?

Du kannst jetzt schon Samen sammeln und auf offenen Boden im Garten ausstreuen…. Somit werden aus den Samen im nächsten Jahr Pflanzen. In bestehenden Gärten einfach die Samenstände zum Versamen stehen lassen!