Teatime im Schlossgarten

Bananen, Kiwis oder Ananas: Bereits im 19. Jahrhundert gab es im Oldenburger Schlossgarten auch allerlei Exotisches. Unter seinem Erbauer Herzog Peter Friedrich Ludwig versprach der hinter hohen Mauern versteckte Küchengarten so manch seltene Frucht. „Er hat halt sehr gerne experimentiert“, weiß Trixi Stalling, Leiterin des Schlossgartens. Das ist heute in dem knapp ein Hektar großen historischen Kleinod hinter dem einstigen Hofgärtnerhaus nicht anders: Bereits im vergangenen Jahr wurden hier etwa 50 Teepflanzen eingesetzt – und mit großer Spannung wird die erste Ernte erwartet.

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Freuen sich über die Teepflanzen im Oldenburger Schlossgarten (von links): Hendrik Nölker, Trixi Stalling, Danja Nölker und Olaf Schachtschneider.

„Bei Tee handelt es sich übrigens um Kamelienpflanzen, und tatsächlich gab es hier schon zu Zeiten Peter Friedrich Ludwigs ein großes Kameliengewächshaus. Er wäre sicher sehr erfreut gewesen, hätte er auch seinen eigenen Tee angebaut.“ Immerhin, lange Zeit galt der Anbau von Tee in Europa als unmöglich. Wechselhaftes Wetter und zu kühle Temperaturen ließen nur wenige mit dem Gedanken spielen, es zu probieren. Inzwischen gibt es jedoch einige interessante Projekte, beispielswiese auf den portugiesischen Azoren, in Großbritannien, Georgen, Italien – und auch in Deutschland.     

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Hochburg für feinen Genuss

Dass es überhaupt zu der Pflanzung kam, verdankt der Schlossgarten einem engagierten Team: Gärtnermeister Olaf Schachtschneider, den Teeexperten Danja und Hendrik Nölker vom traditionsreichen Fachgeschäft Nölker & Nölker als Sponsoren und natürlich Trixi Stalling – eine hervorragende Kombination aus Botanik und Genuss. Keine Frage, der Genuss hochwertiger Teesorten gehört für viele Menschen einfach dazu. „Klar, dass wir da nicht Nein sagen konnten, als Wolfgang Bucher, ein leidenschaftlicher Teeanbauer aus dem Bergischen Land in der Nähe von Köln uns einige Pflanzen angeboten hat“, so Olaf Schachtschneider. „Denn was mögen die Oldenburger am liebsten? Produkte aus Oldenburg. Wir lieben unsere Stadt, daher freuen wir uns, wenn wir dazu beitragen können, Oldenburg besonderer und attraktiver zu machen. Wir sind schon sehr gespannt, was man geschmacklich hinbekommt. Immerhin feiern wir in der Region ja nicht nur den Grünkohl, sondern sind auch Teehochburg“, so Hendrik Nölker.

Auch wenn es keine großen Mengen sein werden: Was zählt, ist die Exklusivität. „In der Produktion verliert man durch den Wasserverlust bis zu 80 Prozent der Masse. Geerntet wird mehrmals im Jahr, jeweils der neue Austrieb. Im Idealfall wie in Indien: zwei Blätter und eine Knospe. Das Beste wäre natürlich, wenn man nur Blattknospen nimmt, da braucht man für ein Kilo bis zu 30 000 handgeerntete Knospen.“

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Ursprung in Korea

Doch woher stammen denn eigentlich die Pflänzchen, die nun in Oldenburg eine neue Heimat gefunden haben? „Der Ursprung dieser camellia-sinensis-Pflanzen liegt in Korea in Ch’ilgok nicht weit vom Ssanggyesa Tempel – ein wunderschöner Ort, der die Anfänge der koreanischen Teekultur beschreibt“, weiß Teekenner Wolfgang Bucher, der nicht nur dem Oldenburger Team, sondern auch den Botanischen Gärten in Köln und Bonn mehrere Teepflanzen zur Verfügung gestellt hat – auch um die Bedingungen des Wachstums in nördlicheren Lagen zu testen.

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Teekenner: Wolfgang Bucher mit seiner Frau Haengok Kim in ihren Tschanara Teagardens.

„Es gibt bei diesen Sämlingen keine echte Sortenbeschreibung. Die Koreaner bezeichnen diese oft als Jaeraejong, was in etwa „wild type“ heißt. Mittlerweile haben die beiden Teeinstitute in Hadong und Boseong auch eigene echte Sorten herausgegeben, die aber noch nicht groß verbreitet sind“, erklärt Bucher, der mit der Koreanerin Haengok Kim verheiratet ist und gemeinsam mit ihr die Leidenschaft für den Teenanbau lebt – und das nicht nur auf dem 5000 Quadratmeter großen Gelände ihres Tschanara Teagardens, sondern auch auf Expeditionen oder Treffen der European Tea Association (EuT), worüber sie auch weitere Teeanbauer in Europa kennengelernt haben und von deren Erfahrungen profitieren konnten. „Tee liebt eher halbschattige Lagen mit hoher Luftfeuchte, was aber auch bei uns in den letzten Jahren mit den trockenen Sommern problematischer geworden ist. Eine geschützte Lage ist vorteilhaft, also nicht offen im Feld, wo im Winter kalte Winde den Pflanzen zusetzen. Auch sollten die Pflanzen im Wurzelbereich mit Stroh, Laub oder Ähnlichem abgedeckt werden, was auch im Winter gegen Frost hilfreich ist.“

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Voller Experimentierfreude

Durchlässiger, humoser Boden für eine tiefe Wurzelbildung, niedriger Ph-Wert (4,5-6 pH sind ideal) und keine Staunässe – das sind die idealen Bedingungen für die Teepflanze – so wie sie in den Fachbüchern zu finden sind. „Wir haben durch die Zugabe von Torf noch ein bisschen nachgeholfen. Und eigentlich sagt man, dass dort wo Rhodos wachsen, auch Kamelien eine sehr gute Chance haben“, sagt Trixi Stalling, die schon sehr gespannt ist, wie sich die Pflänzchen mit der weißen, zitronig duftenden Blüte entwickeln werden. Zumindest die Kälte scheint ihnen wenig anzuhaben, wie Olaf Schachtschneider weiß: „Die Pflanzen, die mehrere hundert Jahre alt werden können, vertragen bis Minus 20 Grad. Also sollte auch ein strenger Winter ihnen nichts ausmachen.“ Nach wie vor ist China Hauptanbaugebiet, gefolgt von Indien. Und wer weiß, vielleicht kann man schon bald feinen Tee aus dem Oldenburger Schlossgarten genießen – vielleicht sogar im historischen Teepavillon.

Von Melanie Jülisch